Stupa (Nov 2009)

Eine Kleinstadt irgendwo im Südwesten Deutschlands. Eine Durchgangsstraße. Eine unvollständig eingerichtete Dreizimmerwohnung über einem Friseurgeschäft. Jola hockt mit angezogenen Beinen auf dem Fenstersims und raucht, während unter ihr der Verkehr nachlässt. Kommt ein später Sattelschlepper herangefahren, beginnen die Kristalle ihres venezianischen Kronleuchters zu tanzen und füllen den Raum mit unbekümmertem Geklirr.

Stimmen fliegen auf, zweifaches Gelächter.

Hey!, ruft der Mann und wirft den Kopf in den Nacken, so dass Jola sein Gesicht im Schein der Straßenlaterne sehen kann. Das Mädchen in seinem Arm folgt seinem Blick, legt ihm darauf in gespielter Empörung die Hand über die Augen und sagt etwas, bevor es den Kopf des Mannes zu sich her dreht und ihn einfach auf den Mund küsst.

Jola zieht die Schultern ein. Hat Buddha geküsst?

Sie könnte Marc fragen. Nein, kann sie eben nicht. Nicht mehr. Jetzt und morgen nicht und überhaupt nie mehr.

Mitleid und Erleuchtung.

Elsa jedenfalls hatte schon lange aufgehört Marc zu küssen, weil buddhistische Nonnen definitiv nicht küssen. Elsa hatte die Universalerklärung gefunden. Zuerst war sie in ein anderes Zimmer umgezogen. Marc war schrittweise entsorgt worden, ohne es zu merken. Stattdessen konvertierte er. Folgte Elsa in die Leiden der Vergänglichkeit und in die Versenkungsstufen eins bis vier. Elsa kam weiter, viel weiter, erreichte das höchste Ziel auf dem Yogaweg, zugänglich nur jenen Auserwählten, die reinen Herzens und reinen Geistes sind. Das lag an der Krankheit, die sich inzwischen in ihr Leben geschlichen hatte. Kranke können Berge versetzen. Oder andere dazu bringen, sie zu versetzen.

Über Tote reden wir nur Gutes.

Elsa ist ein Engel. Sagt Marc. Wenn er die Tote mal wieder auferstehen lässt und sich einschließt und die Vergangenheit beschwört und klebrigrosa einfärbt und sich fragt, warum bloß, warum er alles, was ihm lieb und teuer sei, verloren habe, und wenn er nicht aufhören kann damit, und sie, Jola die Unwissende, nicht aufhören kann zu schweigen und dazusitzen und gerade mal ein, zwei schwache Einwände zu erheben, um schließlich wieder in Schweigen zu verfallen, dann versteht sie, was mit Mitleid gemeint ist:

Ich dachte, Elsa sei verlöscht! – das sagt sie nicht. Wenn Marc mal wieder seinen einzigen Trost darin findet, dass Elsa ihm Zeichen schickt &nash; merkwürdige Vorfälle, die passieren, obwohl sie eigentlich gar nicht passieren können, und nur durch Elsa einen Sinn für ihn ergeben – dann sagt sie nichts.

Elsa starb und starb nicht. Drei lange Jahre hatte sie gebraucht, sich ihre Dämonen aus dem Leib zu schreien. Marc weinte und litt mit ihr und rannte nach heißen Tüchern und Öl und Salz aus dem Himalayagebirge.

Er dürfe nicht weinen, das verhindere ihren Eingang ins Nirwana, mahnte Elsa ihn.

Also hörte Marc auf zu weinen.

Wir sind gelassen.

Der Zigarettenrauch steigt in die Nacht wie eine Botschaft. Marc hasst es, wenn Jola nach Tabak riecht. Also raucht sie nur, wenn Marc es nicht sieht. Marc findet, sie habe keinen Stil. Style, sagt er.

Elsa hatte Style, bevor sie das Nonnengewand anlegte.

Marc findet auch, sie, Jola, habe ihr Leben nicht im Griff, habe keinen Lebensmittelpunkt. Das sagt er, weil sie sich weigert, Buddhistin zu werden.

Eines Tages war die tote Elsa, die damals noch nicht tot und auch noch nicht krank war, mit leer gesaugtem Unterleib aus der Stadt zurückgekehrt, da war nichts mehr zu machen. Hatte ihm erklärt, sie könne seinen Dämon nicht länger in sich tragen, zu groß die Angst und überhaupt. Er habe nicht nachgefragt, was das heiße, seinen Dämon. Er habe es geschafft, nicht zuzuschlagen. Würgte wohl sein Entsetzen hinunter, bis heute, und wird wütend wegen dem Style und dem Lebensmittelpunkt. Einmal nur sprach Mark davon, und sie, sie richtete sich endlich auf und schwieg nicht länger, sondern verlegte sich auf Argumente.

Strategiewechsel, das ist ihr Job. Als freischaffende Analystin hat sie Höhen- und Tiefflüge während der letzten Jahre am eigenen Leib kennen und überstehen gelernt.

Marc ist Künstler.

Elsa sei auch Künstlerin gewesen.

Ja? Was für eine denn?

Lebenskünstlerin! Medikamente in jeglicher Form habe sie verweigert. Wollte mit klarem Geist ins Nichts eingehen.

Drei Jahre lang ein klarer Geist.

Jola inhaliert den Qualm, der ihren Blutdruck absenkt, und bläst ihn langsam wieder aus.

Als Elsa starb, war sie ganz allein gewesen. Marc auch. Ausgezogen, nach Frankreich ins Ferienhaus, um Elsas Vollendung nicht länger im Weg zu stehen. Damit beschäftigt sich sein Gewissen. Lebenslang.

Meine Asche soll in Tibet verstreut werden.

Ja, gewiss, mein Engel. Wir wollen deine Asche in Tibet verstreuen.

Aber Marc war nicht nach Tibet geflogen. Marc konnte nicht, er hatte Flugangst. Wie sollte er diese weite Reise auf sich nehmen, das war nun wirklich ein Problem.

Elsas Urne wanderte auf den Schlafzimmerschrank. Dort vergaß er sie schnell und vollkommen.

Ausgerechnet in der Zeit trat sie in sein Leben. Als Jola das erste Mal in Marcs Haus war, als sie sich ausgezogen hatten und auf dem Bett lagen und ihre Augen die Zimmerecken absuchten, während seine Hände sie absuchten, fragte sie ihn nach der komischen Keksdose da oben, und er war schockiert und antwortete, sie solle nicht so reden.

Wie denn? – Und als sie allmählich begriff, fragte sie ihn, woher sie ahnen könne, dass er aus seinem Schlafzimmer eine Totenkammer gemacht habe.

Gegen eine Tote lässt sich nicht kämpfen.

Sie weigerte sich, noch einmal sein Schlafzimmer zu betreten. Erst solle er das Ding da fortschaffen.

Die Urne kam zu seiner Mutter. Doch die konnte nicht einschlafen mit der Asche der Schwiegertochter unterm Dach, befürchtete gar, tablettensüchtig zu werden, und schon nach wenigen Tagen musste Marc sie wieder abholen. Und wieder stand die Urne herum, im Flur, schließlich im Toilettenschrank.

Er bringe sie einfach in die Schweiz, die Asche. In eines der buddhistischen Zentren der Karma Kagyü Linie, Elsa sei dort wie zu Hause gewesen, ständig unterwegs in Sachen Phowa-Retreats und Meditationsübungen mit 111.111 Mantra-Wiederholungen gegen die Gedankendämonen und die wirklichen; unschlagbar ihr Streben nach Mitleid und Erleuchtung.

Gute Idee, tu das! Bestimmt fahren die dauernd nach Tibet. Die haben ja Zeit, ein ganz anderes Zeitgefühl haben die ja!

Wie er sie beobachtete aus dunklen, zusammengekniffenen Augen, indem er ihre Erleichterung zu deuten versuchte.

Wenn er auf ihr lag, oder sie auf ihm, fielen ihre Blicke ineinander, und er sagte so Dinge wie, ich erkenne mich in dir. Sie hatten viel Sex, weil es ohne Sex gleich wieder kompliziert wurde. Er wollte sie nicht mehr loslassen, sie sollte mitkommen, ins Ferienhaus nach Frankreich, in die Berge, auf den Wochenmarkt. In die Schweiz.

Nein, nicht in die Schweiz. Das solle er schön alleine machen.

Und dann fuhr Marc mit der Urne in die Schweiz, und endlich war sie alleine und tanzte durch seine Räume und zog die Schubladen auf, eine nach der anderen zog sie auf, aber das hätte sie besser bleiben lassen sollen.

Marc, rief sie, als er zurückkam, Marc, komm her, und sie küsste ihn und nahm sein Gesicht in ihre Hände, als ließen sich all die Erinnerungen an sein Leben mit Elsa einfach wegküssen.

Sie redeten schon vom Zusammenziehen. Das Jetztleben sollte endlich beginnen. Als es heute Nachmittag an Marcs Tür klingelte, war sie bei einem Kunden, einem sehr wichtigen Kunden gewesen, den sie, auch als Marc anrief, nicht stehen lassen konnte, weshalb sie Marcs Nummer kurzerhand wegdrückte.

So musste sie sich später erzählen lassen: Von den drei buddhistischen Mönchen, die plötzlich in Marcs Haustür standen, mit ihren Lächelgesichtern und den roten Gewändern. In der Einfahrt parkte ein alter Toyota. Nacheinander kamen sie herein und stellten ihre Schuhe im Windfang ab. Sie verbeugten sich, und Marc verbeugte sich; auch er hatte seine Retreats absolviert, nicht nur in Büchern gelesen.

Sie zeigten sich erfreut über die Leere der Räume.

Er sei in die Küche gegangen und habe die alten Teeschalen aus dem Schrank geholt und gewartet, bis das Wasser für den grünen Tee auf fünfundachtzig Grad abgekühlt sei. Dann habe er versucht sie anzurufen, aber schon geahnt, dass sie nicht erreichbar sei und ihr deshalb mit fliegendem Daumen eine SMS geschickt.

Die sie bis jetzt noch nicht gelesen hat.

Ihm sei der Angstschweiß ausgebrochen, seine Hände haben gezittert, ob sie sich überhaupt eine Vorstellung davon mache! Fast sei er gestürzt, als er, das rote Lacktablett mit den Schalen und der Teekanne in den Händen, die Schwingtür aufgestoßen habe.

Auf den Sesseln saßen, barfuß und im Lotussitz, die Mönche. Ihre schmalen Augen glitzerten. Sie sprachen schlecht Englisch und Deutsch gar nicht und zwinkerten ihm zu, sobald sie zu ihm aufblickten.

Er habe das Tablett abgestellt und jedem eine Schale vorgesetzt. Wieder verbeugten sie sich voreinander. Keiner sprach, die Mönche sahen sich um. Da entdeckte einer das Foto von Elsa. Erfreut sprang er auf, Elsa!, sagte er, nahm den silbernen Rahmen vom Kamin und lachte und nickte, bevor er ihn wieder zurückstellte. Sie hoben die Schalen an die Lippen, ihre braunen, bloßen Arme schimmerten im einfallenden Sonnenlicht.

Auf dem Glastisch leuchtete der Stupa.

Unmittelbar nach der Begrüßung hätten sie ihn dort abgestellt. Die ganze Zeit, sagte Marc, die ganze Zeit habe er den Blick kaum davon abwenden können, gegen seinen entschiedenen Willen.

Einer der Mönche legte schließlich seine Hand darauf.

Der Rest, gab er zu verstehen. Es sei ja immer nur ein kleines Tütchen, was mit nach Tibet fliege. Mehr gehe nicht, wegen der Kontrollen. Und er zog die Schultern ein vor der Übermacht der Gesetze, gleichzeitig seine eigene List belächelnd.

Auf dem Weg ins Kloster, während einer Rast, berichtete der zweite Mönch, indem er beim Sprechen seine Hände zur Hilfe nahm, sei Elsas Asche nun endlich dem Wind überlassen worden.

Ein wirklich schöner Stupa, sagte der Dritte. Klein, aber liebevoll gestaltet, mit echtem Blattgold.

Am Abend hatte auch sie sofort das goldene Ding auf dem Tisch bemerkt. Zurück von ihrem Kunden, hatte sie geräucherten Schinken, Tomaten und Weißbrot mitgebracht, das packte sie aus und legte es daneben. Als Marc all das Essen sah und mittendrin diesen Turm, sagte er, Jola, sag nicht,du weißt nicht, was das ist.

Was sollte es schon sein? Sie griff nach der Spitze, die sich abdrehen ließ wie ein Deckel, doch Marc riss sie ihr aus der Hand, und da wusste sie Bescheid, noch ehe er ein Wort gesagt hatte.

Gleichgültig folgte sie seinem Bericht von dem Besuch der drei Mönche am Nachmittag.

Der Rest, hörte sie immer wieder. Der Rest.

Mitten in seine Ausführungen hinein knallte etwas gegen die Scheibe. In einer Bewegung flogen ihre Köpfe herum, und dann sah sie Marcs weit geöffnete Augen.

Am Fenster klebte, vom Innenlicht angestrahlt, ein Frosch und rutschte mit absurd von sich gestreckten Gliedern, Millimeter für Millimeter, daran herab wie eines dieser Gummispielzeuge, eine breite Schleimspur hinter sich herziehend.

Sie konnte sich ausmalen, was in dem Moment in Marc vorging. Sie wollte hinaus rennen, in die Dunkelheit der Vorgärten hinaus schreien, doch nichts davon tat sie.

Stattdessen ein zweiter Knall. Diesmal direkt vor ihr, Gips auf Glas – und ihre Hand, die, eben noch über dem Tisch schwebend, schon wieder zurückfuhr, um mit unschuldiger Langsamkeit eine Haarsträhne aus ihrer Stirn zu streichen. Weißgoldene Splitter schwirrten über die spiegelnde Oberfläche, ließen eine Landschaft aus Scharten und Sprüngen hinter sich.

Aus dem umgekippten Stupa rieselte Sand, staubgrauer Sand, der sich, von einem Luftzug erfasst, lautlos über die Tomaten, den Schinken, das halb ausgepackte Brot, über den geschundenen Tisch und, nach einer Ewigkeit, als zarter Schleier über den Boden ergoss.

Wir könnten, flüsterte sie, wir könnten sie jetzt einfach wegfegen.

Der Schrecken lähmt ihre Stimme. Marc sieht aus, als setzte er zum Sprung an, sie richtet den Stupa wieder auf, Marc schlägt die Hände vors Gesicht, der Tag war lang, sie will nur noch nach Hause und endlich eine Zigarette rauchen.