Colosseum im Brückenforum (2014)

Gestern Abend waren Colosseum im Bonner Brückenforum.
Ein wahrscheinlich in dieser Konstellation nicht mehr wiederholbares, besonderes musikalisches Ereignis:
Chris Farlowe, Jon Hiseman, Barbara Thompson, Dave Greenslade, Clem Clempson & Mark Clarke!
Wow!
Ihre komplizierten, komplexen Stücke bleiben nicht gerade als Ohrwurm hängen, man erkennt sie auch nicht sofort am Intro. Die Sechs von Colosseum spielen mit Zitaten aus dem unendlichen Universum der Musikgeschichte. Was sie liefern, ist musikalische Kost für Fortgeschritte, und gelegentlich kommt’s erst bei den Refrains zum Aha-Effekt.
Besonders bewegend: Das Tribute an Jack Bruce, mit dem sie viel zusammengearbeitet haben.
Die Kompositionen scheinen Geschichten zu erzählen. Deshalb siehst du ihnen so gerne zu: Dave Greensland an der Hammondorgel und Schlagzeuger und Band-Dino Jone Hiseman, die schon mal loslegen, verspielt Töne aus der Luft greifen, zitieren, variieren, dann an Tempo gewinnen und so den Rest der Truppe auf die Bühne locken: Die zerbrechliche Thompson, Mark Clarke mit seinem Vokuhila, Dave Clempson und zuletzt „The Voice“ Chris Farlowe. Der macht die Show, erzählt Witze, lacht, blubbert, quietscht. Einer nach dem anderen fädelt sich ein und verwebt seinen Erzählstrang mit dem großen Gemeinsamen zu einem virtuosen Spannungsbogen.
Tempo und Volumen wachsen, melodiöse Anfangsmotive verwandeln sich in einen pompösen Klangteppich. Colosseum eben.
Der wabert über deinem Kopf und wummert sich durch deine Organe wie ein Endzeitgewitter.
Und du stehst da und bist glücklich.
Die Soli werden von einem hingerissenen Publikum mit Klatschen, Pfeifen, Zurufen beantwortet. Clarks Gesangssolo nimmt dich auf eine ganz eigene Reise mit. Seine Stimme ist besser als die von Farlowe, der von Alter und Krankheit gezeichnet ist. Und immer wieder das Einfangen und Abholen der Anderen, das ist ganz großes Kino. Ich glaube, dieses schlafwandlerische Ineinanderspielen ist es, was dich als Zuschauer so anpackt. Sechs unwahrscheinlich gute Musiker gehen an ihre Grenzen, und du wirst Teil ihrer Leidenschaft und Power.
Zum Heulen schön. Eine Menschenmenge fühlt dasselbe. Hochstimmung. Die in keinem Moment zu kippen droht. Friedlich.
Klar, dass da bei jedem Erinnerungen auftauchen. (Fachschaftsfeste, Schlatterhaus-Feten, die Kamener Schulband, die schon damals mit einer E-Geige experimentierte – wer war das, verdammt? – und Jungs, die eben auf so Sachen wie Colosseum oder Jethro Tull standen und uns Mädels, mir, wahrscheinlich ohne es zu wissen, eine Welt öffneten …)
Zwei von ihnen, Barbara Thompson und Chris Farlowe, sind krank. Thompson hat Parkinson. Laut Wikipedia hat ihr behandelnder Arzt ein neues Medikament endeckt, so dass sie nach längerer Auszeit wieder auf der Bühne stehen kann. Sie hat Gleichgewichtsstörungen, einmal taumelt sie von der Bühne. Doch die Musik scheint sie zu tragen.
Farlowe hat wohl Bechterew oder etwas in der Art. Sein Rückrat ist zusammengesackt, vielleicht hat seine Stimme dadurch an Volumen verloren. Er ist trotzdem noch ein ganz Großer, und ich habe ihn live gesehen.