In den Augen der Anderen

Wenn die Leute sich nach mir umdrehen, weiß ich schon Bescheid. Da müssen die nichts mehr sagen. Tun die ja sowieso nicht. Die drehen sich um und nageln mich mit ihrem Blick an die Wand. Was die sehen, weiß ich. Was ich sehe, wissen die nicht: Ihre Angst, ihre Abscheu. Ihre Wut sogar. Wut worauf? Das ist das, was ich nie kapiere. Ich tu denen nichts. Ich habe nichts mit denen zu tun. Ich könnte denen egal sein. Ich bin nicht mit Absicht so. Anders. Als sie. Als ich gerne wäre.
Vielleicht haben sie Mitleid mit mir und gleichzeitig keine Lust, Mitleid zu haben. So irgendwie. Sie wollen nicht mitleidig sein, so wie ich nicht anders sein will. Aber sie haben Mitleid, und ich bin anders. Weil wir so sind, wie wir sind. Ich hätte auch Mitleid mit mir, wenn ich sie wäre. Und sie wären nicht gerne anders, wenn sie ich wären.
Warum bist du so klein, fragen mich Kinder. Sie sehen, dass ich keiner von ihnen bin. Mein Gesicht ist alt, viel älter, als ich bin. Nur meine Klamotten sind die von Kindern. Früher streichelten mir die Erwachsenen über den Kopf. Das wenigstens hat aufgehört, seit mein Kopf fast keine Haare mehr hat. Bloß einen Flaum wie bei jungen Vögeln, was wohl nicht gerade zum Streicheln einlädt.
Nachts träume ich von Treppen, die ich hochlaufe. Ich nehme jede Stufe mit einem Schritt, ohne die Zwischenschritte aus dem echten Leben. Ich laufe immer nach oben, nie abwärts. Ich würde gerne mal träumen, zwei Stufen auf einmal zu nehmen. Ein einziges Mal nur dieses Gefühl. Mit voller Kraft. Die anderen überholen. Oder die Stufen hoch bouncen mit diesen Spezialfedern unter den Füßen, gioing!, gioing!, an allen vorbei, eher fliegen als laufen, mitten in der Stadt komme ich raus, auf einem Platz zwischen zwei stark befahrenen Straßen. Rechts und links rasen die Autos an mir vorbei, der Wind fegt über meinen Kopf, das fühlt sich schön an. Ich ziehe eine Tube Wetwax aus der Tasche und style meine paar Haare auf. Ich zähle die Autos mit über 300 PS und sortiere sie im Kopf nach Marken. Ich habe die Sprungstelzen abgeschnallt, wie Rüstungsteile liegen sie neben mir auf den Boden und warten auf den Abwärtsjump.
Da dreht sich einer nach mir um.
Ich sehe in sein Gesicht und in seine Augen, die sich vor Schreck weiten, er ist etwa so alt wie ich, auch wenn er mir das nicht abnehmen würde, er trägt sein Board im Rucksack spazieren und bleibt im Laufen stehen.
Ich schreie los, ich schreie so laut wie noch nie in meinem Leben und schreie immer weiter. Da macht er einen Schritt zurück. Auf eine der Straßen runter. Die Tram kann nicht mehr bremsen. Ich kann nicht wegsehen. Der Wagen ist an der Seite voller Blut, auch die Straße jetzt, Rot auf diesem Einheitsgrau, ein grauenhaftes Bild. Sein Board rollt gegen die Bordsteinkante und hinterlässt zwei schmale, rote Streifen, bevor es dort liegen bleibt, bevor die Leute angerannt kommen mit ihren bestürzten, gierigen Gesichtern und glotzen.
Auf den, der da liegt.
Nicht auf mich.

 

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*Schreibübung: Anders (2018)