Ithaka

Mittwoch. Ithaka ist ein australischer Dokumentarfilm über die Familie von Julien Assange und ihre verzweifelten Bemühungen, ihn freizubekommen – oder ihm wenigstens beizustehen.

Seit der bekannteste Enthüllungsjournalist der Welt im strengsten Hochsicherheitsgefängnis Großbritanniens einsitzt, zusammen mit Mördern, Vergewaltigern und anderen Schwerstverbrechern, ist er für die Öffentlichkeit unsichtbar. In diesem Film ist er nur eine Stimme – am Telefon seiner Frau Stella.

“Nicht Julian ist kriminell, sondern er ist von einem kriminellen Sumpf umgeben”, sagt sie an einer Stelle.

Dem von der US-Regierung höchst erfolgreich bedienten Narrativ vom durchgeknallten Nerd, vom Ich-bezogenen Selbstdarsteller, der Staatsgeheimnisse “verraten” hat, versucht der Film mit seinen Mitteln entgegenzutreten. Ein Narrativ, das die Medien nach anfänglicher Solidarität – auch Julien Assange ist Journalist – kritiklos aufgegriffen und weiterverbreitet haben. Wie stark dieses Narrativ ist, demonstriert bestens der Wikipedia-Artikel zum Film Ithaka, der mich in seiner Verbohrtheit und in seinem kompletten Unverständnis zutiefst schockiert. (Weshalb er hier nicht verlinkt wird.)

In Ithaka sehen wir einen sanften, hochintelligenten, humorbegabten, verzweifelten Intellektuellen, der seine Kinder in den Arm nimmt, der lange Gespräche mit seiner Frau führt, der langsam und allmählich seine Gesundheit verliert. Das ist es, was die US-Regierung und ihre europäischen Vasallenstaaten am liebsten sähen. Wenn Assange stürbe, hätten sie ein Problem weniger.

Produziert von Assanges Bruder Gabriel Shipton und inszeniert vom australischen Dokumentarfilmer Ben Lawrence, folgt der Film im Wesentlichen den Reisen, die der betagte Vater von Julian Assange, John Shipton, seit Jahren unternimmt. Seine leisen, durchdachten, manchmal auch verweigernden Antworten auf zuweilen respektlose Fragen haben mich erschüttert.

“Julien hat den Menschen die Wahrheit gebracht über Korruption und Lügen und über grausamste Kriegsverbrechen von US-Militärangehörigen im Irak und in Afghanistan, so wie Prometheus den Menschen das Feuer gebracht hat. Dafür hacken sie ihm seit 14 Jahren die Leber aus.” Sagt der Vater, als er neben Stella herläuft, auf dem Weg zum Gefängnis. Und später: “Die Wahrheit kann schrecklich lästig sein.”

Für seine lästigen, unliebsamen Wahrheiten sitzt WikiLeaks-Gründer Assange im Gefängnis, obwohl eine Studie nachgewiesen hat, dass nicht ein einziger Mensch durch seine Enthüllungen zu Schaden gekommen ist.

Selbst der UN-Sonderbeauftrage für Folter, Nils Melzer, erzählt, wie er zunächst vor der Causa Julien Assange zurückgeschreckt sei: Auch er sei von der einseitigen Berichterstattung beeinflusst gewesen; zum Beispiel von der widerrechtlichen Behauptung, Assange habe sich in der ecuadorianischen Botschaft vor den – später fallengelassenen – Vergewaltigungsvorwürfen verstecken wollen.

“Die USA haben gewonnen”, so Melzers resigniertes Fazit gegen Ende des Films. “Sie zeigen: Das passiert mit euch, wenn ihr unsere schmutzigen Geheimnisse verratet.”

Im Anschluss wird live der Bruder von Julian Assange, Gabriel Shipton, zugeschaltet. Was können wir tun?, fragte die Moderatorin, und Shipton sagt: “Julien ist kein Denkmal, kein Märtyrer. Er ist ein Bruder, ein Ehemann, ein Sohn, ein Vater. Er ist ein menschliches Wesen. Sprecht über ihn, und von ihm. Sorgt dafür, dass er nicht in Vergessenheit gerät.”

Der Film wird im Rahmen der PEN-Tagung im Arsenal-Kino Tübingen gezeigt.