„Liebes Deutschland“ von Franz Josef Wagner – eine Gedichtinterpretation

Die BILD-Zeitung hat 41-Mio. Haushalten, also allen, ein Geschenk gemacht: Eine Gratis-Ausgabe zum 25. Mauerfalljubiläum.
Franz Josef Wagner hat zu diesem Anlass ein Gedicht gedichtet. Und weil es ihm so gut gelungen ist, hat die BILD-Redaktion es direkt mal als Aufmacher genommen, damit am heutigen Gedenktag alle als erstes das Gedicht auf der ersten Seite lesen können.

Das Gedicht heißt „Liebes Deutschland“, wie ganz viele Gedichte und Geschichten von F.J. Wagner. Dieses hier handelt von einem Stein, wie wir gleich eingangs erfahren. Dann wechselt die Perspektive, und der Stein, also das lyrische Ich, redet nun selbst. Er erzählt dem lieben Deutschland – also uns – aus seinem wilden Leben, denn tatsächlich handelt es sich um einen Mauerstein. Das erklärt auch sein Grundmaterial: „Ich war aus Beton.“
Warum sowohl der Stein selber als auch Wagner („Dies war einmal ein Stein“) in der Vergangenheitsform sprechen und was der Stein jetzt ist, das bleibt das Geheimnis des Autors. Auf jeden Fall ist er zerbrochen, der Stein, weil sein Herz zerbrochen ist. Zerbrochen in der Nacht des 9. November 1989.
Da hat der Stein nämlich plötzlich ein Geräusch gehört:
Ein Klopfen, „wie wenn man nach Überlebenden forscht.“
Nun ja, kennt ja jeder, dieses Geräusch.
Jedenfalls hört das Klopfen sich anders an als alles, was der Stein bisher gehört hat: „Schnell feuernde Gewehre“ und „detonierende Minen“.
Deshalb ist der Stein so bewegt, zum Herzzerbrechen bewegt, je näher das wundersame Geräusch heran kommt.
Auch der Dichter scheint sehr bewegt. Weshalb er jetzt kurz vor Ende wieder die Perspektive wechselt – vom Ich zum Er – und so eine Distanz bewerkstelligt zu seinen überwältigenden Gefühlen.
Überhaupt hat der Dichter, also F.J. Wagner, lange an dem Gedicht gefeilt, und es klingt so, als habe es ihn mächtig viel Bier, Schweiß und Tränen gekostet. Damit es ein richtig gutes Gedicht wird und für den Fall, dass am Montag die Deutschlehrer in Deutschland sein Gedicht im Deutschunterricht analysieren möchten, hat er ein paar Stilfiguren eingebaut. So gibt es neben dem eben erwähnten Perspektivwechsel auch eine Personifikation: Der Stein weint und lacht und spricht zu den „glücklichen Deutschen“, und vor allem spricht er in Metapern.
Von einem „Wald“ voller „Spechte“ etwa, oder von einem „Land ohne Licht“.
Wie das wohl den BILD-Lesern der neuen Bundesländer gefällt? Zehn, zwanzig, vierzig Jahre ohne Licht gelebt zu haben?
Klar, dass der Westen heller als der Osten war, schon wegen der vielen Leuchtreklamen. Würden die alle mal ausgeknipst, dann wäre es auch im Einheitsdeutschland zappenduster und wir wären keine glücklichen Deutschen mehr. Aber keine Sorge, die werden nie ausgeknipst, weil dann ja niemand mehr die vielen schönen Dinge kaufen würde, die darauf abgebildet sind: All die Autos und Parfums und Asian Foods und Schnäpse und Nintendos, wegen denen wir unser Land so lieben, weil wir sie uns eben kaufen können, wenn wir uns nur ein bisschen anstrengen.
Liebes Deutschland, es handelt sich da wirklich um ein sehr gutes Gedicht, das heute in deinen, in unseren Briefkästen liegt. Je öfter ich es lese, desto besser gefällt es mir sogar. Mir kommen die Tränen. Und das haben bisher nur ganz wenige Gedichte geschafft.