Nachruf (Abarbeit)

Eberhard Jüngel ist gestorben. Mehrseitige Orationes funebres in sämtlichen namhaften Zeitungen zitieren andächtig des Verstorbenen Sprachgewalt und aus dem Dschungel seiner nicht mehr zählbaren Ehrungen und Ehrenmitgliedschaften: Ein bedeutender Mann hat uns verlassen.
Kaum jemand kennt Eberhard Jüngel. Es sei denn, sie/er hat Berührungspunkte mit dem akademischen Elfenbeinturm, in dessen Kammern Jüngel sich bewegt und an dem er über die Jahrzehnte fleißigst mitgebaut hat – mit Wortbausteinen, wie es sich für einen Elfenbeinturm gehört, immer hermetischer verriegelt, auf dass das Fußvolk nicht einzudringen wage.
Jüngel war erklärtermaßen einer, der von Krethi und Plethi nicht verstanden werden mochte. In diesem Punkt war er mega erfolgreich. Ich wollte u.a. wegen ihm nach Tübingen. Seine Wortbausteine hatten mich im Religionsunterricht inspiriert, unser Pfarrer verabreichte sie uns in sehr kleinen Dosen, er war ein Intellektueller mit Bodenhaftung, eigentlich war er es, der mich inspirierte – sah wie Mark Twain aus und hatte so ein Blitzen in den Augenwinkeln – und weniger EJ, aber das begriff ich erst viel später.
In Vorlesungen und Seminaren zeigte der Hochdekorierte gern mit dem Finger auf Leute, die sich nicht gemeldet hatten. In meinem Übereifer hatte ich mich für ein Oberseminar für Doktoranden angemeldet. Nie vergesse ich EJs Zeigefinger am Ende seines schwingenden Armes, der auf meiner Höhe plötzlich zum Stillstand kam. Direkt hinter mir antwortete eine wie aus der Pistole geschossen, mein Herzschlag kriegte sich langsam wieder ein, ich dankte dem lieben Gott und der klugen Kommilitonin, die den Satz des Pythagoras auf Handzeichen runterspulen konnte, und den vergesse ich seitdem auch nicht mehr. Auf immer und ewig ist er mit dem schwingenden Arm von EJ verbunden.
Wo bin ich hier? Erste Zweifel an EJ dem Großen, sogar Empörung. Ich war 18, ich hatte gerade den never ending Albtraum Schule hinter mich gebracht, ich war auf Aufbruch und Freiheit und Weltrevolution programmiert, nichts lag mir ferner als von einem arroganten Zeigefinger aufgespießt zu werden.
Ich kaufte mir EJs Bücher. Sie trugen Titel wie „Tod“, „Gott – Wahrheit – Mensch“, „Indikative der Gnade – Imperative der Freiheit“, „Beziehungsreich“, „Ganz werden“. Sie stehen immer noch in meinem Bücherschrank und die Randbemerkungen bezeugen das verzweifelte Bemühen um Verstehen. Ganze Sätze schnitt ich in ihre Einzelteile, verteilte sie vor mir auf dem Boden, stützte die Ellenbogen auf, suchte ihren Sinn zu durchdringen. Hinter jedem verschlüsselten Satz vermutete ich die Welterklärungsformel. Wenn ich endlich einen geknackt hatte, war ich fassungslos: Ihre Bedeutung war oft so banal; warum sagte er nicht einfach, was er meinte? Langsam dämmerte mir, dass es im geisteswissenschaftlichen Diskurs genau darum ging und bis heute geht: Verklausulierungen, Sprachbarrieren, Sprache als Herrschaftswissen, um die Unwissenden außen vor zu halten. Um sie zu beschämen.
Untergeordnete der Scham und Peinlichkeit auszuliefern, sich damit einen Moment der Selbsterhöhung zu gönnen, ist ein gängiges Mittel der universitären Didaktik. In linguistischen Seminaren haben wir diese Machtspiele analysiert, aber nie aktiv bekämpft. Die feministische Bewegung hat sie zwar als eine Spielart männlichen Dominanzgehabes belächelt, doch kaum öffentlich kritisiert, was zeigt: Selbst als Kämpferinnen für Frauenrechte haben wir unser eigenes Unbehagen nicht ernst genommen.
Frauen mochte EJ nicht. Schwangere Studentinnen ließ er ohne Probleme durchfallen, nicht ohne sie während der Prüfung zu belehren, „damit Sie wenigstens jetzt noch etwas lernen.“ Studentinnen mit Kleinkindern gab er nicht die Hand, sondern wandte sich angewidert ab. Einmal hatte sich eine Studentin in ihn verliebt, ja tatsächlich, und sie war auch noch so mutig gewesen, sich ihm zu offenbaren. Darauf schrieb er ihr, sie sei aus „unehrenhaften Gründen“ in seinem Seminar und möge ihm in Zukunft besser fernbleiben.
Das alles kommt in den Nachrufen nicht vor. Ich habe nichts davon vergessen, auch wenn ich selbst mich dem Dunstkreis des EJ früh entzogen habe. Er war der Grund, weshalb ich von Münster ins weit entfernte Tübingen gezogen bin. Beim ersten Seminar war ich aufgeregt wir vor Weihnachten. Und erlebte einen uninspirierenden, autoritären, hochmütigen Lehrenden. Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen. Das alles ist nichts Schlechtes. Für den akademischen Betrieb ist es etwas Typisches. Das auszusprechen, gehört dazu.
Bei meiner letzten Jüngel-Vorlesung hatte ich mein Examen schon in der Tasche, ich hörte ihn sozusagen aus freien Stücken. Ich war unkonzentriert und sonnte mich in meinem unabhängigen Status. Da überfiel mich von vorne ein mit Pathos vorgetragenes Satzkonstrukt: „Ich bin. Also bin ich nicht nichts.“
Ich war wie vom Donner gerührt. Ich sah mich wieder über den zerschnittenen Satzfragmenten brüten. Die letzte Weisheit von EJ brauchte ich nicht erst zu zerschneiden – sie war so wahr, wie sie banal war. Abrupt stand ich auf, quetschte mich durch die Reihen des Hörsaals, schloss die Doppeltür hinter mir endgültig. Ich wusste auf einmal etwas über mich: Dass ich mich für den Elfenbeinturm nicht eigne. Dass ich an die Basis, zu Menschen gehöre.
„Gott als Sprachereignis der Welt“ raunt es durch den nachrufenden Blätterwald. Ich finde, die schwergewichtige Wortschöpfung als eine von vielen des Verstorbenen darf jetzt endlich mal die heiße Luft ablassen und sein, was sie ist: Eine Worthülse.
Vielleicht lacht sich EJ ja eins auf seiner Wolke.

30.09.2021